Pfoten-Tagebuch

Mein Schleppleinentraining für Anfänger: So klappt der Freilauf ohne Leine

Ein Hund, der mit vollem Tempo ans Ende einer zehn Meter langen Leine rennt, kann sich am Halsband das Genick brechen. Deshalb hängt meine neon-orangene Schleppleine ausschließlich am Brustgeschirr, nie am Hals – das ist keine Empfehlung, das ist eine harte Regel. Und genau da beginnt der größte Irrtum beim Schleppleinentraining: Die meisten glauben, Freilauf ohne Leine sei eine Frage der richtigen Ausrüstung. Es ist eine Frage von dem, was am anderen Ende der Leine passiert – bei mir.

Der größte Mythos beim Schleppleinentraining

Als ich mir meine erste Schleppleine gekauft habe, dachte ich, das sei einfach eine überlange Version der normalen Alltagsleine – zehn Meter statt der üblichen kurzen Führleine, fertig, Freilauf-Gefühl inklusive. Falsch gedacht: Mein Hund hat die komplette Länge ausgenutzt, um jeder Taube und jedem Radfahrer hinterherzuschießen, und ich bin hinter ihm hergestolpert wie an einem Fallschirm, der sich nicht öffnen will.

Görlitzer Park, ein windiger Nachmittag, und ich stehe mit zehn Metern neonfarbenem Plastik um die Knöchel gewickelt da, während mein Hund freudestrahlend um einen Baum rennt. Eine Gruppe Hundehalter mit makellos sitzenden Outdoor-Jacken läuft kopfschüttelnd vorbei. Ich wollte im Boden versinken. ZEHN METER LEINE UND ICH KRIEGE ES TROTZDEM NICHT HIN.

Freilauf-Training Ausrüstung: behandschuhte Hände halten eine neon-orange Biothane-Schleppleine für Hundeerziehung Anfänger

Klickertraining ohne Grundverständnis bringt nichts

Bevor ich überhaupt bei der Schleppleine gelandet bin, hab ich's mit Klickertraining probiert. Zehn Minuten Tutorial, ein Klicker aus der Schublade, fertig, dachte ich mir. Hab ich mich getäuscht. Ich hab geklickt, ohne zu verstehen, warum das Timing zwischen Verhalten und Klick über Erfolg oder Chaos entscheidet, und mein Hund hat irgendwann nur noch verwirrt den Kopf schräg gelegt, wenn es klickte. Keine Verknüpfung, kein Verhalten, nur ein Geräusch ohne Bedeutung. Der Klicker liegt seitdem in der Schublade – nicht weil die Methode schlecht ist, sondern weil mir der Unterbau gefehlt hat, bevor ich losgelegt habe.

Die Schleppleine funktioniert anders

Genau das hat mich neulich auch Juliane aus meinem Kursgruppenchat gefragt: Reicht eine lange Leine allein, oder braucht es noch mehr? Reicht nicht. Die Schleppleine funktioniert nur, wenn du aufhörst, sie als Bremse zu benutzen, und anfängst, sie als Trainings-Werkzeug zu sehen. Statt die Leine kurz zu halten, sobald ein anderer Hund auftaucht, lasse ich meinen Hund kontrolliert in den Reiz reinlaufen – er darf gucken, darf schnüffeln, lernt aber, dass ich am anderen Ende der zehn Meter immer noch da bin.

Das ist übrigens nicht dasselbe wie akute Leinenaggression gegenüber anderen Hunden – dafür gelten andere Regeln, das ist eine eigene Baustelle.

Auch mit klassischem Rückruftraining hat das nur am Rande zu tun: Dort geht es rein ums Kommen bei Ruf, hier geht es darum, dass er sich überhaupt erst freiwillig nach mir umschaut, bevor die Leine straff wird.

Was dabei eigentlich trainiert wird, ist Impulskontrolle unter freiem Himmel. Neulich hat es zu Hause geklingelt, und er hat erst zu mir rübergeschaut, bevor er überhaupt einen Schritt Richtung Tür gemacht hat – genau dieses Umschauen übe ich mit ihm auch draußen an der Schleppleine.

Belohnt wird dabei ausschließlich, wenn er sich von selbst umdreht – keine Rucke an der Leine, keine Strafe, nur Leckerlis für die Entscheidung, bei mir zu bleiben.

In Görlitzer Park übe ich das inzwischen sogar, wenn in der Nähe Sirenen heulen – mein Hund hat Angst vor lauten Geräuschen, und die Schleppleine gibt mir die Sicherheit, ihn in solchen Momenten nicht zu verlieren, während er lernt, ruhig zu bleiben.

Berliner Hundealltag beim Schleppleinentraining: Mischlingshund blickt im Park zurück, die Leine schleift locker am Boden

Die Leine als Werkzeug nutzen, nicht als Bremse

Seine Körpersprache verrät mehr als die Leine selbst, bevor er überhaupt in Richtung Reiz zieht – Ohren, Schwanzhaltung, wie er den Kopf hält.

Das hat übrigens nichts mit der Trennungsangst zu tun, die er zeigt, wenn ich die Wohnung verlasse – das ist eine komplett andere Baustelle mit anderen Übungen. Zu Hause ist die passende Übung eher, ihn auf seine Decke zu schicken, wenn er drinnen wachsam wird, sobald jemand im Treppenhaus läuft – dazu habe ich neulich extra aufgeschrieben, wie ich mit dem Hund am Fenster bellt umgehe. Draußen an der Leine ist es fast das Gegenteil: Er darf sich bewegen, nur eben in einem Radius.

Ob das Training wirklich greift, erkenne ich nicht an einem Kalenderdatum, sondern an drei Dingen. Liegt die Leine die meiste Zeit locker auf dem Boden, statt gespannt zu sein? Schaut er sich von selbst um, bevor die Leine überhaupt strafft? Und kann ich ihn aus einer Fixierung – eine Taube, ein Radfahrer – rausholen, indem ich kurz auf die Leine trete, ohne Geschrei, ohne Ruck? Wenn alle drei stimmen, ist die Leine nur noch Rückversicherung und kein Werkzeug mehr, das ständig im Einsatz ist.

Sogar Timo, ein Schulfreund mit einer ausgewachsenen Hundephobie, hat mir letztens einen Podcast-Link zu genau diesem Thema geschickt. Wenn selbst er sich für Leinenführigkeit interessiert, ist das Thema wohl kaum nur was für Jäger oder Hunde vom Land.

Wer gerade mit Hundeerziehung für Anfänger und Schleppleinentraining startet, sollte sich also weniger fragen, welche Länge die richtige ist, sondern ob die Leine gerade als Bremse oder als Werkzeug benutzt wird. Genau das unterscheidet zufälliges Rumstolpern im Görlitzer Park von echtem Freilauf-Training – und das gehört für mich mittlerweile zum ganz normalen Berliner Hundealltag dazu.

Verwandte Artikel