Pfoten-Tagebuch

Hund an U-Bahn gewöhnen: Mein Training für entspanntes Bahnfahren in Berlin

Ein Hund, der bloß vor der Rolltreppe zögert, und ein Hund, der an jedem BVG-Bahnhof wie festgewachsen auf dem Beton steht – das sind zwei komplett unterschiedliche Baustellen im Hundetraining, auch wenn am Ende bei beiden nur "Angst vor der U-Bahn" drübersteht. Bei Loki, meinem Mischling, war lange die zweite Variante unser Angsthund-Alltag: kompletter Stillstand, sobald die Treppe zum Bahnsteig auftauchte.

Kurz vorweg, weil das fair ist: Ich verlinke in diesem Text Online-Kurse, über die ich eine Provision bekomme, wenn du dort etwas kaufst – am Preis für dich ändert das nichts. Empfehlen tue ich nur, was bei uns wirklich etwas gebracht hat, auch wenn nicht alles davon beim ersten Versuch geklappt hat.

Berlin ohne Auto zu leben, klingt romantisch, bis der eigene Hund die U-Bahn boykottiert. Bei 9 Linien und 175 U-Bahnhöfen führt hier kaum ein Weg an der BVG vorbei, und Hunde, die größer als eine Katze sind, brauchen laut Vorschrift Maulkorb und Fahrschein – das wusste ich anfangs nicht mal, ich war schon froh, wenn Loki überhaupt bis zum Eingang kam, ohne einzufrieren. Seit einem Jahr lebt er jetzt bei mir, übernommen von einer Freundin, die wegziehen musste, und die U-Bahn war von Anfang an sein größter Gegner.

U-Bahn-Training: Zwei Wege, die ich ausprobiert habe

Am Anfang dachte ich, U-Bahn-Training läuft wie jedes andere Training: Belohnung zeigen, Hund folgt, fertig. Dabei kursieren eigentlich zwei komplett verschiedene Ansätze – der schnelle Lockversuch mit Futter direkt in den Waggon, und der langsame Aufbau von der Bahnsteigkante aus, ganz ohne Druck. Ich habe beide an Loki getestet. Nur einer hat funktioniert.

Der Schnellschuss ging nach hinten los

An der Treppe zum Kottbusser Tor hat Loki mal alle vier Pfoten in den Beton gerammt und sich keinen Millimeter mehr bewegt, während Pendler genervt an uns vorbeigezogen sind. WARUM MACHT ER DAS, dachte ich nur, während ich die Blicke im Rücken spürte. Also der Schnellschuss: Wiener Würstchen durch die offene Tür werfen, während das Türpiepen schon lief.

Klassischer Fehler.

Loki blockierte komplett, die Würstchen rollten in den Gleisspalt, und ich stand plötzlich allein im Waggon, während er mit eingezogenem Schwanz auf dem Bahnsteig zurückblieb. An der nächsten Station musste ich raus und zurückrennen, den Tränen nah.

Locken mit Futter funktioniert gut, wenn ein Hund neugierig zögert. Bei einem Hund, der wirklich vor Angst blockiert, macht es fast alles schlimmer – er wird in eine Situation gedrängt, aus der es für ihn im Moment keinen Ausweg gibt.

Ich brauchte danach einen richtigen Plan statt weiterem blindem Ausprobieren. Dazu habe ich schon mal ausführlicher geschrieben, in meinem Beitrag zu meinen Online Hundeschule Erfahrungen.

Ignorieren funktioniert bei Loki nicht

Ignorieren als Strategie hat bei Loki noch nie funktioniert, auch nicht außerhalb der U-Bahn.

Als er mich früher beim Nachhausekommen angesprungen ist, habe ich ihn konsequent ignoriert – weggedreht, kein Wort, nichts. Er hat danach eine Weile an den Möbeln geknabbert, als müsste er sich die Aufmerksamkeit irgendwo anders zurückholen.

Kollegin Pia aus dem Büro hat mir am Anfang geraten, Loki einfach ruhig neben mir mit in den Zug zu ziehen und abzuwarten, bis er sich von selbst beruhigt – bei ihrem Labrador funktioniert das seit Jahren zuverlässig.

Bei Loki nicht. Manche Hunde entspannen sich, wenn man einfach weitermacht. Loki eskaliert.

Von der Bahnsteigkante rückwärts aufgebaut

Für die Struktur dahinter habe ich die Traumhund-Challenge genutzt. Das Programm hat eigentlich 54 Trainingsspiele fürs Zuhause, aber viele davon ließen sich erstaunlich gut auf den Bahnhof übertragen.

Erst nur am Vorplatz stehen und zugucken, wie andere Leute im Bahnhofsschlund verschwinden. Kein Zug, keine Tür, nur Beobachten. Ganz ähnlich wie am ersten Arbeitstag, wo dir auch niemand gleich das komplizierteste Projekt in die Hand drückt – erst ankommen, dann übernehmen. Das ist im Kern Desensibilisierung: die Distanz zur gruseligen Sache so groß halten, dass der Hund noch denken kann, und sie dann in winzigen Schritten wieder verkleinern.

Ich habe dabei mehr auf Lokis Körperhaltung geachtet als auf irgendeinen Zeitplan – eingezogene Rute, angelegte Ohren, dieses starre Stehenbleiben war für mich das Signal, einen Schritt zurückzugehen statt weiterzumachen. Körpersprache lesen klingt kompliziert, am Bahnhof heißt es einfach: aufpassen, bevor es kippt.

Unter der Erde brauchte Loki außerdem deutlich hochwertigere Belohnungen als draußen im Park – Trockenfutter zog gegen den Lärm der U8 überhaupt nicht, es musste Käse oder Leberwurst sein. Reine Futterbestechung war das trotzdem nicht: Die Belohnung kam im richtigen Moment, nicht um ihn über seine Angst hinwegzutragen.

Emre, der fast jeden Morgen mit seiner Hündin Selin im Hundeauslauf steht, macht sowas nie lang wortreich. Er bleibt einfach an der Rolltreppe stehen und wartet, bis seine Hunde von selbst nachkommen, ohne ein einziges Kommando.

Irgendwann, mitten in der fahrenden Bahn, ist etwas passiert, das ich nicht erzwungen habe: Loki hat sich einfach hingelegt. Kein Fixieren der Türen mehr, kein Beobachten fremder Füße, nur ein müder Hund auf dem Boden eines Waggons. Laute Geräusche und Menschenmassen sind bei ihm ohnehin oft der eigentliche Auslöser, nicht die anderen Fahrgäste selbst, das ist mir erst später aufgefallen, als er auf vollen Wochenmärkten ganz ähnlich reagiert hat wie im Bahnhof.

Mittlerweile fahren wir regelmäßig bis zum Tempelhofer Feld raus, wo er sich nach der Anspannung im Zug richtig austoben kann – das ist inzwischen fast selbst zur Belohnung für die Fahrt geworden.

Und zu Hause sitzt er neuerdings von allein vor der Wohnungstür, noch bevor ich überhaupt nach der Klinke greife. Das hätte ich vor einem Jahr nicht für möglich gehalten.

Locken oder Geduld: Wann hilft was

Für mich läuft es inzwischen auf eine einfache Unterscheidung hinaus: Zögert dein Hund nur neugierig, kann ein Leckerli der Türöffner sein. Steht er dagegen wie festgewachsen da, Rute eingezogen, Blick starr, hilft kein Futter der Welt – dann brauchst du Distanz, einen Rückweg und die Bereitschaft, an der nächsten Station wieder auszusteigen.

Falls du auch gerade erst anfängst: Das Online Hundetraining gibt es schon seit über 7 Jahren und es ist ein okayer Einstieg, wenn du erstmal verstehen willst, wie Hunde in Stresssituationen überhaupt lernen.

Mein nächstes großes Projekt danach war übrigens, dass Loki sich auch im Café neben mir entspannt statt an der Leine zu zerren – dazu mehr in meinem Bericht Hund im Restaurant entspannen.

Wer selbst noch ganz am Anfang steht und Struktur braucht: Ich kann die Traumhund-Challenge nur empfehlen – die 54 Spiele haben uns durch die nervigsten Trainingsstunden gebracht.

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