
Vier Pfoten, eine einzige Stufe, absolut keine Bewegung. Loki steht mitten im Treppenhaus, den Rücken durchgedrückt, alle Krallen in die Dielenkante gekrallt, und starrt die nächste Stufe an, als würde sie ihn gleich verschlingen. Genau das ist gerade mein Hundealltag: Angst vor der Treppe, jeden Tag, mehrmals am Tag.
Nichts passiert.
Sein Hecheln hallt im gefliesten Treppenhaus wider, dieses hohe, gepresste Geräusch, das ich mittlerweile sofort als Panik erkenne, und ich stehe eine halbe Etage unter ihm und überlege zum gefühlt zehnten Mal an diesem Tag, wie wir hier beide wieder rauskommen.
Angst vor der Treppe: unser Hundealltag im Berliner Altbau
Als Zoé mir Loki gebracht hat, kurz bevor sie für einen neuen Job nach Hamburg gezogen ist, hat sie erwähnt, er sei manchmal etwas schreckhaft. Was sie nicht gesagt hat: Unser Treppenhaus würde zu seiner ganz persönlichen Hölle werden. Wir wohnen im zweiten Stock, ohne Fahrstuhl, in einem Altbau im Norden Neuköllns, mitten in Berlin, und die glatten, hohen Stufen scheinen für ihn kein Weg zu sein, sondern eine Art Abgrund. Vielleicht, weil Hunde eine andere Tiefenwahrnehmung haben als wir – für ihn ist die Treppe offenbar keine Treppe, sondern eine optische Täuschung aus Kanten und rutschigem Holz.
Ich hatte vorher noch nie einen Hund. Als absolute Anfängerin hat mein Treppentraining nicht mit einem durchdachten Plan begonnen, sondern mit zwei Wochen komplettem Chaos.
Am Anfang hab ich nur "Nein!" und "Pfui!" die Treppe runtergerufen, in der Hoffnung, dass Lautstärke irgendwie hilft. Hat er komplett ignoriert. Er hat nicht mal in meine Richtung geschaut, geschweige denn eine Pfote bewegt.

Tragen macht die Angst nur noch schlimmer
Mein erster Impuls war naheliegend: Ich trage ihn einfach hoch, Problem gelöst. Mit fast 18 Kilo Hund auf dem Arm hab ich ihm bei jedem einzelnen Mal etwas beigebracht, das ich so nicht wollte: dass die Treppe lebensgefährlich ist und dass er sich komplett auf mich verlassen muss, statt auf seine eigenen vier Pfoten.
Gelernt habe ich dabei vor allem eins, dass ich ein sehr wackeliger Aufzug bin. Mein unterer Rücken hat nach der dritten Etage jedes Mal so heftig gezogen, dass ich abends kaum noch sitzen konnte. In meinem zweiten Onlinekurs kam dann ein Satz, der bei mir eingeschlagen ist: Tragen nimmt dem Hund genau die Kontrolle über den eigenen Körper, die er gerade erst lernen muss. Also haben wir – spät, aber immerhin – noch mal von vorne angefangen.
Kleine Schritte, viel Leberwurst, keine Eile
Wir haben nicht im Treppenhaus angefangen, das wäre viel zu viel auf einmal gewesen. Zuerst kamen Bordsteinkanten dran, dann eine einzelne, flache Steinstufe am Landwehrkanalufer in Kreuzberg, wo wir sowieso jeden Tag unterwegs sind. Das Ziel war nur, dass er merkt, wo seine Hinterpfoten hinkommen – Hunde scheinen ihr eigenes Hinterteil komplett zu vergessen, sobald es kompliziert wird.
Unsere Treppe im Haus ist außerdem steiler und höher, als eine moderne Treppe das heute wäre, ganz klassisch Altbau eben, gebaut für Menschen und nicht für einen Hund mit kurzen Beinen. Was im Kurs unter "positiver Bestärkung" läuft, war für mich in der Praxis vor allem eins: Leberwurst, in homöopathischen Dosen, für jeden noch so kleinen Fortschritt.
Die Leine blieb dabei die ganze Zeit locker, weil er sofort blockiert hat, sobald ich auch nur minimal gezogen habe. Jeder Blick zur Treppe wurde belohnt, jede Pfote auf der ersten Stufe war eine kleine Party wert, und ich hab ihn immer dicht an der Wand entlang geführt, weil die Stufen dort spürbar weniger glatt sind als in der Mitte.
In diesem Frühling war die Treppe nicht unsere einzige Baustelle. Nebenbei haben wir an seiner Impulskontrolle gearbeitet, wenn er schon an der Wohnungstür durchgedreht ist, an seiner Reaktion auf andere Hunde an der Leine gefeilt, und ich hab angefangen, seine Körpersprache viel genauer zu lesen, als mir am Anfang klar war, dass ich das überhaupt können muss. Rückruf am Kanal, das Alleinebleiben tagsüber und seine Angst vor lauten Geräuschen kamen etwa zur gleichen Zeit dazu – eine Baustelle nach der anderen, und die Treppe war einfach die, die wir nicht ignorieren konnten, weil wir sie jeden Tag mehrfach brauchten.

Der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass es funktioniert
Es gibt diesen einen Nachmittag, an dem ich es zum ersten Mal wirklich gespürt habe. Ich saß auf der untersten Stufe, die Leberwurst-Tube in der Hand, und hab einfach gewartet, ohne zu rufen, ohne zu schieben.
Loki hat die rechte Vorderpfote auf die erste Stufe gesetzt, kurz gezittert, und ist dann einfach weitergegangen. Irgendwann, es muss so in der fünften Woche gewesen sein, ist ihm ein Stück Wurst von der Stufe gefallen, direkt vor seine Nase – und er hat kurz drangeschnüffelt und ist dann einfach weitergestiegen, ohne stehen zu bleiben und zu fressen. In diesem Moment hab ich gemerkt, dass ihm die Treppe inzwischen wichtiger war als die Wurst, und das hat mich mehr gefreut als jeder Trainingserfolg vorher.
Es war ein ähnliches Gefühl wie damals, als ich zum ersten Mal gemerkt habe, dass es klappt, meinen Hund an sein Geschirr zu gewöhnen – man kann Vertrauen nicht erzwingen, man kann nur den Raum dafür lassen, mutig zu sein.
Auch Rückschläge gehören zum Treppentraining
Man sollte nicht glauben, dass es danach nur noch bergauf ging. Ein paar Wochen später kam ein Nachbar mit seinem Fahrrad die Treppe runtergepoltert, Loki hat sich so erschreckt, dass er drei Stufen rückwärts gestolpert ist. Das Thema Treppe war danach für ein paar Tage komplett gestorben.
Ich hab an dem Abend weinend in der Küche gesessen und mich gefragt: WARUM MACHT ER DAS SCHON WIEDER? Warum fangen wir gefühlt bei null an?
Training ist offenbar keine gerade Linie, sondern eher wie eine Aktie mit ziemlich heftigen Ausschlägen, bei der man einfach hoffen muss, dass der Trend langfristig nach oben zeigt. Wenn er an einem Tag nicht konnte, sind wir eine Etage tiefer wieder umgekehrt, und ich hab ihn den Rest getragen – aber erst, nachdem er wenigstens zwei Stufen selbst geschafft hatte. Ein kleiner Teilerfolg ist besser als eine totale Niederlage.
Genau in dieser miesen Phase bin ich Brigitte aus dem ersten Stock auf der Treppe begegnet, mit Loki mitten im Übungsstillstand zwischen zwei Stufen. Sie ist stehen geblieben, hat eine Weile zugeschaut, und dann völlig unvermittelt erzählt, dass sie früher selbst einen Dackel hatte, der mit Treppen sein Leben lang gehadert hat. Das hat mir an diesem Tag mehr geholfen als jeder Ratgeber.

Was von diesem Treppentraining wirklich bleibt
Heute würde ich mir wünschen, in den ersten Wochen entspannter gewesen zu sein. Ich war so fixiert darauf, dass er einfach funktionieren muss, wir mussten doch nur in den zweiten Stock! Aber für einen Hund, der vorher vielleicht noch nie eine Treppe gesehen hat, ist das wie Klettern ohne Seil.
In der fünften Woche kam der Moment, in dem er unten im Eingang stand, mich kurz ansah und einfach losgelaufen ist. Nicht elegant, eher wie ein leicht angetrunkener Seemann, aber er ist gelaufen. Mittlerweile schaffen wir die Treppe fast immer ohne große Diskussion, auch wenn er vor jeder Etage kurz checkt, ob ich die Leberwurst-Tube dabeihabe.
Zu Hause hat sich dadurch noch etwas anderes verändert. Wenn ich am Schreibtisch arbeite, schickt Loki sich inzwischen von selbst in seinen Korb zwischen Schreibtisch und Bücherregal, statt ständig neben mir zu stehen und zu warten, dass etwas passiert – ein bisschen so, wie er gelernt hat, auf der Treppe zu warten, bis er bereit ist.
Das Treppentraining hat unsere Beziehung mehr verändert als jedes Sitz oder Platz im Park. Er hat gemerkt, dass ich ihn nicht in Situationen zwinge, die er nicht schafft – oder dass ich zumindest warte, bis er selbst bereit ist. Falls du gerade auch vor eurer eigenen Treppe verzweifelst: Leberwurst einpacken, tief durchatmen, und deinem Hund die Zeit geben, die er braucht.
Zoé fragt inzwischen ab und zu aus Hamburg, ob die Treppe schon klappt, und man merkt ihr in jeder Nachricht an, wie sehr sie zwischen schlechtem Gewissen und der Überzeugung schwankt, dass es die richtige Entscheidung war, Loki bei mir zu lassen. Ich erzähl ihr dann, dass es ein langer Weg war vom ersten Panikmoment bis zu einem halbwegs entspannten Alltag, und dass es mir geholfen hat, mitzulesen, wie andere ihre Traumhund-Challenge Erfahrungen beschreiben. Man ist mit so einem Angsthasen auf vier Pfoten definitiv nicht allein.