
Loki drückt sich hinter meine Wade, sobald jemand schneller als im normalen Spazierschritt auf uns zukommt. Kein Knurren, kein Bellen – nur dieses stille Ausweichen, das mir jedes Mal einen Stich gibt. Und dann stehe ich da wie eine komplette Anfängerin beim Hundetraining in Berlin, die selbst nicht weiß, ob sie gerade ihren Hund oder die fremde Person beruhigen soll.
Kurzer Zwischenstopp, bevor es weitergeht: In diesem Text stecken Affiliate-Links. Buchst du darüber einen Kurs, bekomme ich eine kleine Provision – für dich ändert sich am Preis nichts. Ich verlinke nur, was ich selbst in meinen unruhigsten Wochen als Hunde-Neuling ausprobiert habe. Hier geht es zu meiner Offenlegung.
Ein Jahr mit Loki in Berlin
Vor etwas mehr als einem Jahr hat meine beste Freundin Zoé mir Loki vor die Tür gestellt – mit Leine, Napf und einem schlechten Gewissen, weil sie kurzfristig für einen neuen Job nach Hamburg ziehen musste und dort keinen hundefreundlichen Platz gefunden hat. Wir kennen uns noch aus dem gemeinsamen Studium, also war "ja, klar, das schaffe ich" schneller gesagt als durchdacht.
Meine Wohnung liegt im zweiten Stock eines Altbaus in Neukölln, ohne Fahrstuhl, und ohne Balkon bedeutete jeder Toilettengang für Loki: Treppe runter, Treppe wieder rauf. In der ersten Woche hat er bei jeder Stufe gejault, als würde die Welt untergehen. Nachts hat er geheult, tagsüber in die Wohnung gepinkelt, und sobald draußen ein anderer Hund auftauchte, ist er komplett ausgerastet.
Draußen war es nicht besser. Ich wusste anfangs nicht mal, dass in Berlin fast überall eine Leinenpflicht gilt, und dachte nur: WARUM WOLLEN ALLE MEINEN HUND ANFASSEN? Ich zahlte brav meine 120 Euro Hundesteuer und fühlte mich trotzdem wie eine Kriminelle, weil ich Loki nicht unter Kontrolle hatte.
Für ein paar verzweifelte Tage habe ich sogar einen Antibell-Clip an sein Halsband geklippt, weil ich dachte, das würde wenigstens das Bellen bei Begegnungen dämpfen. Kein Unterschied. Loki hat weitergebellt, als wäre der Clip gar nicht da, und ich habe ihn nach einer Woche wieder abgenommen.

Wer beschützt hier eigentlich wen?
Ein Nachmittag im Mauerpark, Prenzlauer Berg, wurde dann zu meinem persönlichen Tiefpunkt. Eine Gruppe fand Loki "sooo süß" und griff ihm einfach an den Kopf, bevor ich überhaupt reagieren konnte. Loki wich panisch zurück, die Rute zwischen den Beinen, und ich stand nur daneben und lächelte entschuldigend, während in mir alles schrie.
Das brennende Gefühl der Nylonleine in meiner Handfläche, während Loki verzweifelt dagegen sprang, ist mir noch lange nachgegangen.
Ich war einfach zu schüchtern, um etwas zu sagen. Ich wollte nicht die unhöfliche Berlinerin sein, aber Loki fühlte sich von mir komplett im Stich gelassen.
Standardtipps aus dem Internet ("Geh einfach einen Bogen") funktionieren im Mauerpark nicht – auf den überfüllten Wegen dort gibt es oft keinen Platz zum Ausweichen. Wenn uns jemand zu nah kommt, geht Loki manchmal nach vorne, als würde er die Person wegdrängen wollen. Ich habe irgendwann aufgehört, mir zu erklären, warum er das genau tut, und mich stattdessen darauf konzentriert, ihn davor zu bewahren, überhaupt in die Situation zu geraten.
Ich lerne, für Loki einzustehen
Nach ein paar Monaten voller Google-Suchen wie "Hund hört nicht auf mich" bin ich bei der Traumhund-Challenge gelandet. Das Programm läuft über zwölf Monate und enthält 54 Trainingsspiele – für mich als jemand ohne jeden Plan war schon allein die Struktur eine Erleichterung, auch wenn ich zwischendurch dachte: SCHAFF ICH DAS ÜBERHAUPT? Günstig ist es nicht, aber es gab eine Ratenzahlung, und ein festes Live-Coaching hätte ich mir trotzdem gewünscht.
Aus der Challenge habe ich vor allem eins mitgenommen: Ich bin nicht die unhöfliche Berlinerin, ich bin Lokis Anwältin. Dieser Satz ist inzwischen mein Mantra vor jeder Gassirunde. Wenn jemand auf uns zustürmt, mache ich einen Schritt nach vorne und sage klar "Stopp, bitte nicht anfassen". Anfangs fand ich es gruselig, Fremden so eine Grenze zu setzen, aber Loki hat es sofort gemerkt: Er wurde ruhiger, weil klar war, dass ich das für ihn regle.
Mittlerweile nutzen wir auch eine gelbe Schleife an der Leine, die signalisiert: Abstand bitte. In Berlin kennt zwar noch nicht jeder das Zeichen, aber allein das Tragen gibt mir selbst mehr Sicherheit, weil ich weiß, dass ich sichtbar für Loki einstehe, noch bevor ich ein Wort sagen muss.

Distanz üben, Schritt für Schritt
Zuhause übe ich das Prinzip schon länger, meistens wenn Besuch kommt oder es an der Tür laut wird. Meine Nachbarin Brigitte Wolff aus dem ersten Stock muss inzwischen nur noch kurz gegen die Decke klopfen, wenn's ihr doch mal zu wild wird – kein Klingeln, kein Geschrei, nur das Klopfen.
Vor ein paar Wochen im Mauerpark kam plötzlich ein freilaufender Hund ohne Halter auf uns zu, und früher wäre bei mir sofort Panik hochgekocht. Diesmal schickte ich Loki einfach hinter mich. Hund auf seinen Platz schicken hatte ich bis dahin nur für drinnen geübt, aber das Prinzip "hinter mir bleiben" funktionierte auch draußen. Ich blockte den anderen Hund ab, und wir gingen einfach weiter.
In der vierten Woche, in der ich bewusst an diesem Distanztraining gearbeitet habe, ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie anders Loki reagiert: Hinter einem Zaun bellte ein fremder Hund, wir liefen vorbei, Loki drehte kurz den Kopf – und lief einfach weiter. Kein Ziehen, kein Hochziehen der Nackenhaare. Ich blieb selbst fast stehen, weil ich es kaum glauben konnte. Wie er grundsätzlich an der Leine auf andere Hunde reagiert, ist bei uns trotzdem ein eigenes Dauerthema, über das ich ein andermal ausführlicher schreibe.
Rückruf klappt im Park inzwischen öfter, aber "meistens" ist noch nicht "immer" – daran arbeite ich weiter. Seine Impulskontrolle ist eine andere Baustelle: Wenn ein Jogger an uns vorbeizieht, soll er stehenbleiben statt sofort hinterherzuwollen, und genau das üben wir gerade erst richtig.
Sitz und Platz laufen mittlerweile fast automatisch über Leckerli-Timing in der Küche. Meine Finger fühlen sich danach jedes Mal leicht fettig an – keine Magie, nur stures Wiederholen. Was mir insgesamt am meisten hilft, ist inzwischen seine Körpersprache zu lesen, bevor überhaupt ein Knurren kommt: Ohrenstellung, Rutenhaltung, wie er sein Gewicht verlagert.
Seit Zoé mir ständig Trainingsvideos und kleine Leckerli-Pakete aus Hamburg schickt, fühle ich mich beim Alleinbleiben-Training wenigstens nicht komplett auf mich gestellt – Loki heult inzwischen seltener, wenn ich kurz aus der Wohnung muss. Mein Hund hat Angst vor lauten Geräuschen ist bei uns ebenfalls immer noch ein Thema, aber wir sind nicht mehr so hilflos wie am Anfang.
Mein Fazit für Berliner Hunde-Anfängerinnen
Wenn du auch so einen kleinen Unsicherheitsbündel an der Leine hast: Trau dich, Nein zu sagen. Du schuldest niemandem ein Streichelerlebnis, und dein Hund merkt sofort, wenn du die Rolle der Türsteherin übernimmst statt wegzusehen. Es hat mich viel Überwindung gekostet, aber inzwischen laufen Loki und ich fast entspannt durch den Mauerpark.
Falls du wie ich am Anfang komplett planlos bist: Die Traumhund-Challenge hat mir zumindest eine Struktur gegeben, an der ich mich das ganze erste Jahr entlanghangeln konnte. Die eine Sache, die ich seither nie mehr vergesse: Ich muss nicht sofort das richtige Wort finden, ich muss nur meinen Körper zwischen Loki und die fremde Hand bringen. Der Rest kommt mit der Zeit.
Wir beide lernen das noch, Loki und ich, und manchmal ist der größte Erfolg einfach nur, ohne Nervenzusammenbruch wieder zuhause anzukommen. Und jetzt: Rausgehen, die nächste Begegnung wartet schon.