Pfoten-Tagebuch

Hund verteidigt Futter: Was ich gegen Ressourcenverteidigung getan habe

Ein Stück Gouda landet auf dem Küchenboden. Loki knurrt mich an, tief, gezogen, ein Ton, den ich vorher noch nie von ihm gehört hatte. Sein Blick klebt an mir, als wäre ich eine Fremde, nicht die Person, mit der er sonst jeden Abend auf dem Sofa hängt. So hat bei uns die Ressourcenverteidigung angefangen.

Erstarrt bin ich stehengeblieben, ein Fuß noch in der Bewegung, die ich abbrechen musste, um ihm nicht zu nahe zu kommen. Das Klappern des Napfes auf dem Boden, dann diese schwere Stille danach. Für ein paar Sekunden habe ich vergessen zu atmen.

Das verstehe ich nicht.

Panik kam noch am selben Abend, als hätte ich gerade erfahren, dass ich mit einem fremden Tier zusammenwohne. Als absolute Hundetraining-Anfängerin hatte ich bis dahin gedacht, Hunde sind einfach dankbar für Futter, das man ihnen hinstellt. Dass er es gegen mich verteidigen würde, hatte ich nicht auf dem Schirm.

Morgens höre ich ihn meistens vom Boden hochschnellen, bevor ich überhaupt richtig wach bin – ein kurzes Scharren der Krallen, zuverlässiger als jeder Wecker. Genau dieser Kontrast hat mich am meisten verunsichert: der Hund, der morgens so unbeschwert wirkt, und der Hund, der abends am Napf zur Statue wird.

Ressourcenverteidigung war für mich am Anfang nur ein großes Wort.

Gegoogelt habe ich den ganzen Abend, während er friedlich in seinem Körbchen schlief, als wäre nichts gewesen.

Mein zweiter Onlinekurs zum Thema Ressourcenverteidigung hat mir dann langsam die Augen geöffnet. Meine hektischen, schnellen Bewegungen wirkten für ihn offenbar wie eine Bedrohung. Er dachte, ich würde ihm alles wegnehmen wollen. Im Gruppenchat des Kurses schreibt eine andere Teilnehmerin, Juliane Frosch, ständig, wie viel entspannter angeblich alles wäre, würde man nicht mitten in Berlin, sondern draußen in München leben, was mir zumindest zeigt, dass ich mit meinem Chaos nicht allein bin. Seit ich mich intensiv mit dem Thema Online Hundeschule Erfahrungen beschäftige, weiß ich: Es ist Kommunikation, keine Aggression.

Hilft eine Sprühflasche gegen das Knurren am Napf?

Bevor ich einen richtigen Plan hatte, habe ich das Naheliegendste ausprobiert: eine Sprühflasche mit Wasser, jedes Mal, wenn er anfing, sich über den Napf zu beugen und zu knurren.

Kompletter Fehlschlag. Er hat das Wasser nicht als Strafe verstanden, sondern als das beste Spiel der Woche. Er hat sogar angefangen, mich absichtlich anzuknurren, nur damit die Flasche wieder rauskam. Aus Angst wurde plötzlich ein lustiges Ritual, nur eben nicht in die Richtung, die ich wollte.

Ich habe die Flasche noch am selben Tag weggeräumt.

Den Napf wegnehmen, um ihm die Kontrolle zurückzugeben

Überall liest man von Tauschgeschäften: Hund hat etwas Tolles, du gibst ihm etwas noch Tolleres, damit er es hergibt. Bei uns hat das nur noch mehr Stress gemacht – er hat das Leckerli genommen und ist sofort zurück zum Napf gesprungen, um ihn weiter zu sichern.

Also habe ich eine Entscheidung getroffen, die sich zuerst komplett falsch angefühlt hat: Der Napf kam für eine Weile ganz weg. Nicht um ihn hungern zu lassen, sondern um ihm die Angst vor dem Kontrollverlust zu nehmen. Wo kein Napf steht, gibt es auch nichts zu verteidigen.

Fast alles habe ich in dieser Zeit aus der Hand gefüttert, Brocken für Brocken, aus einem großen Sack Trockenfutter. Er hat gelernt: Meine Hand ist die Quelle von etwas Gutem, nicht die Diebin.

Positive Verstärkung heißt bei diesem Thema etwas anderes als bei Sitz und Platz: Belohnt habe ich, dass er mich überhaupt in seiner Nähe geduldet hat, nicht dass er hübsch gesessen ist. Bestraft habe ich das Knurren nie. Knurren ist schließlich seine einzige Sprache, um Stopp zu sagen.

Körpersprache statt Kommandos

Körpersprache eingesetzt habe ich hier, ohne ein einziges Wort zu sagen. Statt mich über den Napf zu beugen, habe ich mich seitlich weggedreht. Er sollte in einem gewissen Abstand warten, während ich das Futter vorbereite. Nicht weil ich streng sein wollte, sondern weil ich ihm damit Sicherheit gegeben habe, dass ich seinen Bereich nicht bedränge.

Das Knurren war ohnehin nie der Anfang der Geschichte, sondern eher das Ende einer langen Kette aus Signalen. Erstarren, ein kurzer Seitenblick, schnelleres Fressen kamen bei ihm alle lange vorher, ich hatte sie nur nie gesehen.

Nach ein paar Wochen haben wir angefangen, den leeren Napf wieder normal hinzustellen. Im Vorbeigehen, ohne ihn anzusehen, habe ich ab und zu etwas besonders Leckeres reingeworfen. Die Botschaft war einfach: Wenn ich in der Nähe bin, passiert nichts Schlimmes, im Gegenteil, es wird sogar noch besser.

Ungefähr in der sechsten Woche hat sich das mit dem Napf zum ersten Mal normal angefühlt. Kein großer Moment, keine Fanfare. Einfach ein Abend, an dem ich reingekommen bin, während er gefressen hat, und nichts ist passiert.

Der Test an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg

Ein regnerischer Nachmittag an der Kastanienallee wurde dann zum eigentlichen Test. Er war an der Schleppleine, schoss plötzlich zur Seite und kam mit einer halben, weggeworfenen Pizza aus dem Gebüsch am Straßenrand wieder raus. Mein Herz ist mir in die Hose gerutscht. Früher wäre er damit weggelaufen oder hätte geschnappt, sobald ich mich genähert hätte.

Stehen geblieben bin ich einfach. Tief durchgeatmet, keine Panik, ihn nicht angeschrien. Ich habe nur gewartet und ihm mit meiner Körperhaltung signalisiert, dass alles entspannt ist.

Er hat innegehalten. Er hat mich angeschaut. Die Leine blieb locker, die Pizza hat er nicht sofort runtergeschlungen, sondern erst mal abgewartet, was ich mache. Ganz ruhig haben wir sie dann gegen ein besonders gutes Leckerli getauscht, das ich für solche Notfälle immer dabeihabe.

Wie viel Impulskontrolle wir uns seitdem erarbeitet haben, merke ich am deutlichsten bei Besuch: Mein Schulfreund Timo hat panische Angst vor Hunden, und sein erster Besuch nach Lokis Einzug war für alle Beteiligten ein einziges Desaster. Inzwischen ist er ungewollt Lokis liebstes Übungsobjekt geworden. Er muss ruhig bleiben, obwohl da jemand sitzt, der sich komisch und angespannt verhält, und genau das schafft Loki heute.

Was bei uns heute anders läuft

Ruhig frisst er heute an einer Stelle, an der niemand an ihm vorbeiläuft, er muss sich also gar nicht mehr absichern. Wenn er kaut, bedränge ich ihn nicht, und wenn Besuch da ist, gibt es schlicht keine Kauartikel. Das Risiko ist es mir einfach nicht wert.

Neulich, mitten in einem Kundenprojekt, wollte ich vom Schreibtisch aufstehen und merkte erst da: Seit zwei Stunden hatte er sich unter dem Tisch nicht ein einziges Mal gerührt.

Wie selbstverständlich er inzwischen an seinem Platz unter dem Schreibtisch bleibt, ist eigentlich eine ganz eigene Geschichte für sich, die mit Ressourcenverteidigung nur am Rande zu tun hat.

Andere Baustellen laufen komplett getrennt davon: das Heulen, wenn ich abends das Zimmer verlasse, ist eine eigene Geschichte, genauso wie der Rückruf, an dem wir ewig gesessen haben, oder seine Reaktion auf laute Geräusche draußen, die sich nur ganz langsam gelegt hat.

Tage gab es trotzdem, an denen ich am liebsten alles hingeschmissen hätte, meistens dann, wenn er mich wieder angeknurrt hat, nur weil meine Tasche zu nah an seinem Napf stand.

Was bei uns funktioniert hat, lässt sich eigentlich auf einen Satz runterbrechen: Knurren ist eine Bitte um Abstand, keine Kampfansage. Wenn du ihm den Abstand gibst, bevor er sich ihn nehmen muss, verliert das Knurren nach und nach seinen Job. Falls dein Hund also gerade dein Feind zu sein scheint, sobald der Napf auf dem Boden steht: Er hat wahrscheinlich einfach nur Angst, und die geht man gemeinsam an, nicht gegeneinander.

Nebenbei bemerkt: Falls dein Hund nicht nur am Napf, sondern auch draußen bei anderen Hunden komplett ausrastet, kennst du dieses Gefühl der Hilflosigkeit schon. Aufgeschrieben habe ich auch, wie ich das Thema Hund bellt andere Hunde an angegangen bin, aus einer Zeit, in der ich dachte, ich könnte mich in Berlin nie wieder auf die Straße trauen.

Verwandte Artikel