
Loki springt mir zum dritten Mal mit beiden Vorderpfoten aufs Knie, noch bevor ich das Leckerli aus der Hosentasche gefischt habe – und ich stehe mitten im Wohnzimmer, Arm ausgestreckt, und flüstere unser aktuelles Übungswort 'Sitz', als könnte es ihn allein durch Wiederholung erreichen.
Sitz-Platz-Training klingt in der Theorie nach den zwei einfachsten Wörtern der Hundeerziehung. In der Praxis war es die chaotischste Phase, seit ich Loki von einer Freundin übernommen habe, die umziehen musste – und das will bei uns etwas heißen. Dieses Hundetraining-Tagebuch aus unserem Berliner Hundealltag sollte eigentlich nur von zwei simplen Kommandos handeln. Geworden ist es die Geschichte eines Irrglaubens, dem ich fast eine ganze Woche lang aufgesessen bin.
Der Fehler lag nicht bei Loki. Er lag bei der Methode, die ich mir aus einem gut bewerteten YouTube-Video zusammengesucht hatte, bevor die Woche überhaupt richtig losging, die klassische Dominanz-Nummer, die so ziemlich das Gegenteil von dem ist, was am Ende funktioniert hat.
Der Mythos vom dominanten Hund
In dem Video hieß es, ein Hund müsse zuerst spüren, dass ich über ihm stehe, bevor er überhaupt zuhört: feste Schulterhaltung, direkter Blick, die Hand, die sanft, aber bestimmt aufs Hinterteil drückt, bis er sich setzt. Ich habe genau das eine ganze Woche lang bei Loki durchgezogen, Schritt für Schritt.
Das Ergebnis war das Gegenteil von Gehorsam. Er duckte sich weg, sobald sich meine Hand in seine Richtung bewegte, und flüchtete lieber unter den Schreibtisch, als sich neben mich zu setzen.
GAR NICHTS hat funktioniert.
Meine Kollegin Pia hat sich die Geschichte in der Mittagspause angehört, zum dritten Mal inzwischen, ohne genervt die Augen zu verdrehen – dabei hat ihr eigener Labrador nie im Leben so ein Theater veranstaltet. Sie meinte nur, Dominanz sehe bei manchen Hunden vielleicht aus wie Gehorsam, bei Loki aber eher wie Angst.
Hunde müssen sich nicht unterwerfen, um zu gehorchen.
Nein. Und genau da zeigen die meisten Anfänger-Ratgeber, die ich vorher gelesen hatte, in eine Richtung, die bei uns nicht funktioniert hat. So wie ich schon in meinem Erfahrungsbericht über die ersten Wochen mit Loki geschrieben habe: Ich hatte am Anfang keinen Plan, nur Panik und ein Küchenfenster, an dem ich stundenlang stand und mich fragte, was ich mir da eigentlich angetan habe.
Was bei uns wirklich etwas verändert hat, war das komplette Gegenteil von Druck: den Moment belohnen, in dem Loki von selbst das Richtige tut, statt ihn in die Position zu drücken. Sobald er sich von sich aus hinsetzt oder ruhig hinlegt, kommt sofort ein kurzes Wort und ein Leckerli, nicht fünf Sekunden später, sondern in dem Augenblick, in dem sein Hinterteil den Boden berührt. Diese Zeitspanne zwischen Verhalten und Belohnung ist fast wichtiger als das Leckerli selbst. Das deckt sich übrigens mit dem, was auch in meinen Notizen zur Online-Hundeschule steht: Timing schlägt Wiederholung.
Im Job ist es kaum anders. Feedback, das ich drei Tage nach einer Präsentation bekomme, verändert kaum noch, wie ich arbeite. Kommt es direkt im Meeting, während die Idee noch frisch ist, sitzt es sofort. Bei Loki ist der Mechanismus derselbe, nur dass die Präsentation ein Sitz mitten im Flur ist.
Positive Verstärkung ist keine Bestechung
Der Vorwurf, den ich am häufigsten höre, wenn ich von Leckerlis erzähle: Das sei doch Bestechung, der Hund tue es ja nur wegen des Futters. Stimmt so nicht ganz. Bestechung bedeutet, dass ich das Leckerli VOR der Handlung zeige, damit er überhaupt reagiert. Belohnung bedeutet, dass sie danach kommt, als Bestätigung für etwas, das er schon von sich aus getan hat.
Bei 'Platz' war der Unterschied besonders deutlich zu sehen. Anstatt die Hand mit Käse Richtung Boden zu ziehen, damit er hinterherfolgt, habe ich einfach abgewartet, bis er sich aus eigenem Antrieb hingelegt hat (beim Fernsehschauen, beim Dösen in seinem Korb neben dem Schreibtisch) und genau in dem Moment das Wort gesagt. Die Verbindung stand bei ihm schneller, als ich für möglich gehalten hätte.
Sitz-Platz-Training im Görlitzer Park
Am Wochenende sind wir extra in den Görlitzer Park gefahren, weil dort mehr los ist als vor unserer Wohnungstür: Fahrräder, fremde Hunde, der Geruch von Grillkohle aus gefühlt zwanzig Richtungen gleichzeitig. Genau da wollte ich testen, ob 'Sitz' auch außerhalb des Wohnzimmers standhält.
Anfangs klappte gar nichts. Ein Hund kläffte irgendwo in der Nähe, und Loki war für die nächste Minute komplett weg von mir, Nase am Boden, Ohren auf Empfang für alles außer mich. Aber nach ein paar Anläufen, bei denen ich einfach ruhig gewartet und nicht wiederholt 'Sitz, Sitz, Sitz' gerufen habe, hat er sich doch hingesetzt, mitten im Görlitzer Park, mit einem Jogger drei Meter neben uns.
Der Moment, der mir gezeigt hat, dass es wirkt
Neulich hat es an der Tür geklingelt, und ich habe reflexartig die Schultern hochgezogen, bereit für das übliche Chaos aus Bellen und Kratzen. Stattdessen hat Loki nur kurz zu mir rübergeschaut, so als würde er fragen, ob das gerade auch eine Übung ist, und ist einfach liegen geblieben.
Ich habe in dem Moment gemerkt, wie sehr sich unser Zusammenleben verändert hat, seit ich aufgehört habe, mit Nachdruck zu kommandieren, und stattdessen angefangen habe, ruhiges Verhalten einfach zu bemerken und zu belohnen. Meine eigene Körpersprache spielt dabei eine größere Rolle, als mir am Anfang klar war, weniger reden, mehr zeigen.
Was noch aussteht
Sitz und Platz sind trainiert, die Liste an Baustellen bleibt trotzdem lang. Impulskontrolle ist bei uns das nächste große Thema, dazu habe ich schon mehr geschrieben, weil Loki bei jedem Eichhörnchen sofort vergisst, dass er 'Sitz' überhaupt kann. Ob er an der Leine ruhig bleibt, wenn ein anderer Hund vorbeiläuft, ist ein komplett eigenes Kapitel, genauso wie die Frage, wie entspannt er allein in der Wohnung bleibt, während ich im Büro sitze. Der Rückruf hängt bei uns noch an einem seidenen Faden, und laute Geräusche wie Feuerwerk oder ein Presslufthammer auf der Straße lösen bei ihm noch echte Panik aus. Seine Körpersprache lese ich inzwischen deutlich besser, auch wenn ich am Anfang praktisch keine Ahnung hatte, was ein hochgezogener Schwanz eigentlich bedeutet. Und ob er lernt, sich tagsüber von selbst auf sein Platz im Wohnzimmer schicken zu lassen, während ich arbeite, ist ein Kapitel, das noch aussteht.
Druck bringt nichts, Timing schon.
Wenn ich heute ein neues Kommando anfangen will, checke ich zuerst, ob Loki überhaupt ruhig genug dafür ist. Ist er komplett aufgedreht, warte ich lieber ein paar Minuten, statt gegen seine Aufregung anzutrainieren. Und sobald er die richtige Bewegung von selbst macht, kommen Wort und Belohnung sofort, nicht Sekunden später. Das ist der ganze Unterschied zwischen einer Woche, in der nichts hängen bleibt, und einer, in der plötzlich etwas klickt.
Falls dein Hund gerade genauso wenig auf 'Sitz' reagiert wie Loki am Anfang: Es liegt wahrscheinlich nicht an ihm. Häufiger liegt es an einem Video, das mehr Gehorsam verspricht, als es am Ende halten kann.