
Der Morgen, an dem ich am Tempelhofer Feld fast geheult hätte
Es ist Ende März 2026. Ein typischer Berliner Dienstagmorgen — grau, windig und dieser feine Nieselregen, der sich wie eine kalte Decke über alles legt. Ich stehe auf dem Tempelhofer Feld, meine Finger sind so klamm, dass ich mein Handy kaum halten kann. Und mein Hund? Er ist weg. Also nicht weg-weg, aber er ist in seiner eigenen Welt. Ungefähr zweihundert Meter entfernt inhaliert er die Reste eines weggeworfenen Döners, als gäbe es kein Morgen mehr.
Ich schreie. Ich pfeife durch die Finger (was ich gar nicht kann, es klingt eher wie eine sterbende Möwe). Ich rufe seinen Namen. Einmal. Zweimal. Zehnmal. WARUM HÖRT ER NICHT? Die Leute um mich herum — diese perfekten Berliner Hundeeltern mit ihren farblich passenden Leinen und Hunden, die auf einen bloßen Blick reagieren — starren mich an. Ich spüre, wie mir die Hitze ins Gesicht steigt, trotz der Kälte. Ich bin die Frau mit dem Hund, der absolut NULL Respekt hat. In diesem Moment wollte ich ihn am liebsten direkt zurück zu meiner Freundin schicken, die jetzt in London im Trockenen sitzt, während ich hier im Matsch versinke.
Ich bin Grafikdesignerin. Ich kann Logos entwerfen, ich kann Farbräume abstimmen, ich kann Deadlines einhalten. Aber ich kann anscheinend keinem kleinen, wuscheligen Wesen klarmachen, dass 'Hierher' nicht bedeutet: 'Friss ruhig weiter den Gammel-Döner, ich stehe hier nur zur Deko'. Nachdem ich ihn endlich an der Leine hatte (ich musste zu ihm hinlaufen, was man ja NIE tun soll, aber ich hatte einen Termin!), saß ich in der U-Bahn und habe vor Wut und Verzweiflung fast in meine Stofftasche gebissen.

Warum mein 'Komm her' nur noch Hintergrundrauschen war
Zuhause angekommen, habe ich erst mal meinen zweiten Onlinekurs aufgeschlagen und wild Notizen gemacht. Dabei ist mir etwas klar geworden, das wehgetan hat: Ich habe mein Rückrufsignal selbst kaputt gemacht. In den ersten Wochen, als alles noch neu war, habe ich ständig 'Komm her' gerufen. Wenn er im Garten geschnüffelt hat. Wenn er in der Wohnung im Weg stand. Wenn er draußen eine Taube fixiert hat.
Das Problem? Er ist oft gar nicht gekommen. Und was habe ich gemacht? Nichts. Ich habe es einfach hingenommen. In der Welt der Hundetrainer nennt man das einen 'vergifteten Rückruf'. Für meinen Hund war mein Rufen wie das Rauschen der S-Bahn am Hermannplatz — es ist da, aber es hat keine Bedeutung für sein Leben. Es war völlig wertlos. Er hat gelernt: Frauchen macht Geräusche mit dem Mund, aber ich kann trotzdem weitermachen.
Außerdem hatte ich ein riesiges Problem mit seiner Vorliebe für Berliner Straßen-Snacks. Das war so schlimm, dass ich parallel schon mein Anti-Giftköder-Training gestartet hatte, weil ich bei jedem Döner-Rest Panik bekam. Aber ohne Rückruf ist man im Park einfach aufgeschmissen.
Schritt 1: Das alte Signal beerdigen (Und Klappe halten!)
Der erste Rat aus meinem Kurs war radikal: Hör auf zu rufen. Sofort. Wenn du weißt, dass dein Hund sowieso nicht kommt (weil die Taube spannender ist oder der andere Hund gerade am Hintern beschnuppert werden muss), dann ruf nicht. Jedes Mal, wenn du rufst und er ignoriert dich, trainierst du ihm quasi bei, dich zu ignorieren. Das war für mich als Kontrollfreak echt hart. Ich musste lernen, ihn in brenzligen Situationen einfach wortlos abzuholen oder an der Schleppleine zu sichern.
Wir haben mein altes 'Komm her' offiziell in Rente geschickt. Es ist verbrannt. Ich benutze es nur noch, wenn ich weiß, dass er sowieso schon auf dem Weg zu mir ist, um es ganz langsam wieder positiv aufzuladen — aber nicht mehr als echtes Kommando für den Notfall.

Schritt 2: Die Geheimwaffe aus Metall
Ich habe mir eine Hundepfeife besorgt. Warum? Weil meine Stimme lügt. Wenn ich gestresst bin, klingt meine Stimme schrill. Wenn ich wütend bin, klingt sie bedrohlich. Wenn ich müde bin, klingt sie kraftlos. Ein Hund merkt das sofort. Eine Pfeife hingegen klingt immer gleich. Sie ist emotionslos, objektiv und sie schneidet durch den Lärm der Stadt viel besser durch als mein verzweifeltes Rufen.
Wir haben Mitte April angefangen, diese Pfeife als 'Super-Rückruf' aufzubauen. Das Ziel: Die Pfeife bedeutet Party. Die Pfeife bedeutet, dass der Himmel voller Leberwurst hängt. Es darf kein normales Alltagssignal sein, sondern der Joker, den man nur zieht, wenn es wirklich wichtig ist.
Schritt 3: Bestechung auf höchstem Niveau
Ich weiß, es gibt diese Leute, die sagen: 'Der Hund muss doch für MICH kommen, nicht für das Futter!' Ganz ehrlich? Mein Hund ist ein Pragmatiker. Wenn er die Wahl hat zwischen einem stinkenden Fuchs-Haufen und meinem freundlichen Gesicht, gewinnt der Fuchs-Haufen. Jedes. Verdammte. Mal.
Ich musste also aufrüsten. Trockenfutter? Damit kann ich ihn jagen. Ich habe angefangen, Tuben mit Leberwurst und kleine Käsestücke mitzuschleppen. Ja, meine Jackentaschen stinken jetzt permanent nach Fleischerei, und ich habe ständig klebrige Finger, aber es funktioniert. Der Rückruf muss ein Geschäft sein, bei dem der Hund das Gefühl hat, den Deal seines Lebens gemacht zu haben. Er lässt den Döner stehen, weil er weiß, bei mir gibt es das 'Filet Mignon' der Hundewelt.

Schritt 4: Training in der 'langweiligen' Zone
Ein riesiger Fehler, den ich gemacht habe: Ich wollte den Rückruf direkt im Park trainieren. Das ist so, als würde ich versuchen, ein neues Grafikprogramm zu lernen, während ich in einem Techno-Club stehe — unmöglich. Wir sind zurück auf Anfang.
Wir haben im Flur meiner Wohnung trainiert. Dann im Hinterhof, zwischen den Mülltonnen (sehr langweilig für ihn, perfekt für mich). Erst als er dort bei zehn von zehn Versuchen sofort angestürmt kam, sind wir eine Stufe weitergegangen. Ich habe gelernt, dass ich keine Chance habe, ihn draußen abzurufen, wenn er nicht mal in der Küche zu mir kommt, wenn ich ihn rufe.
Manchmal war es echt frustrierend. Es gab Tage im Mai, da dachte ich, wir machen Fortschritte, und dann hat er wieder eine läufige Hündin gerochen und mein Pfeifen komplett ausgeblendet. Da hilft nur: Tief durchatmen, Leine dran und am nächsten Tag wieder in der langweiligen Zone anfangen. Konstanz ist hier leider alles, auch wenn man eigentlich lieber Netflix schauen will.
Schritt 5: Der Vertrag — Niemals lügen
Das ist der wichtigste Punkt, den ich gelernt habe. Der Rückruf ist ein Versprechen. Wenn er kommt, passiert IMMER etwas Tolles. Ich darf ihn NIEMALS rufen, um ihn dann auszuschimpfen, weil er vorher weggelaufen ist. Wenn ich das mache, lernt er: 'Wenn ich zu Frauchen gehe, gibt es Ärger'. Warum sollte er dann das nächste Mal kommen?
Und noch was: Ich leine ihn nicht jedes Mal sofort an, wenn er gekommen ist. Sonst verknüpft er den Rückruf mit 'Spiel vorbei, Freiheit weg'. Manchmal rufe ich ihn nur, gebe ihm die Super-Belohnung und schicke ihn wieder los zum Spielen. Das hat unser Verhältnis komplett verändert. Er kommt jetzt viel freudiger, weil er nicht Angst haben muss, dass die Party sofort vorbei ist.
Besonders schwierig war das in Situationen, in denen er Jogger jagen wollte. Das ist in Berlin ja ein Dauerthema. Da musste ich echt hart an unserer Bindung arbeiten und habe oft an meinen Bericht darüber gedacht, wie wir mühsam gelernt haben, dass Hunde keine Radfahrer jagen sollten. Der Rückruf ist da oft die letzte Rettung.

Wo wir heute stehen (Juni 2026)
Heute ist der 10. Juni 2026. Wir trainieren jetzt seit gut drei Monaten intensiv am Rückruf. Sind wir perfekt? Um Himmels Willen, nein. Er ist immer noch ein kleiner Chaot mit eigenem Kopf. Aber unsere Erfolgsquote ist von gefühlten 10 % auf solide 85 % gestiegen.
Letzte Woche hatten wir einen echten Durchbruch. Wir waren im Grunewald (ich war so froh, dass ich vorher fleißig geübt hatte, den Hund ans Auto zu gewöhnen, damit wir überhaupt stressfrei dorthin kommen). Ein Reh sprang über den Weg. Früher wäre er bis nach Brandenburg hinterhergejagt. Ich habe die Pfeife benutzt. Er hat gezögert, kurz überlegt... und ist umgedreht! Er kam im Galopp zu mir geschossen. Ich hätte ihn vor Freude fast erdrückt (und er hat eine ganze Tube Leberwurst bekommen).
An alle, die gerade verzweifelt im Park stehen und deren Hund sie ignoriert: Ich fühle mit euch. Es ist peinlich, es ist anstrengend und man fühlt sich wie die schlechteste Hundemama der Welt. Aber bleibt dran. Kauft euch eine Pfeife, packt die stinkigste Leberwurst ein, die ihr finden könnt, und fangt klein an. Es lohnt sich für diesen einen Moment, in dem dein Hund sich entscheidet, dass DU spannender bist als der Rest der Welt. Wir schaffen das!