Pfoten-Tagebuch

Hund kommt nicht beim Rufen: Meine 5 Schritte zum (fast) sicheren Rückruf

Aktualisiert

Der Mythos, der jedem Anfänger das Rückruftraining vermiest

Mein Hund kommt zuverlässig, wenn ich in der Küche mit einer Tüte raschle. Er kommt so gut wie nie, wenn zehn Meter weiter ein anderer Hund über den Boxhagener Platz trabt.

Genau dieser Unterschied bringt die meisten Rückruf-Ratgeber zum Straucheln, und er ist einer der klassischsten Anfängerfehler beim Hundetraining überhaupt: Sie tun so, als wäre 'Hierher' ein Schalter, den man einmal umlegt, und der danach überall gleich gut funktioniert — egal ob Küche oder Park, egal ob Taube oder Essensrest am Boden.

Stimmt nicht.

Rückruf ist kein Charakterzug, den ein Hund entweder hat oder nicht hat. Es ist ein trainiertes Signal mit einem Wert, und dieser Wert kann kaputtgehen wie ein Versprechen, das man zu oft bricht. In der Hundewelt heißt das 'vergifteter Rückruf': Man ruft, der Hund kommt nicht, man ruft wieder, nichts passiert, und irgendwann ist das Wort für den Hund bedeutungslos geworden. Ungefähr so, als würde ein Mitbewohner ständig 'gleich' rufen und dann doch nicht auftauchen. Irgendwann reagiert im WG-Flur niemand mehr darauf, auch wenn es diesmal ernst gemeint wäre.

Bei uns war es genau so passiert: 'Komm her' gerufen, wenn er im Hinterhof geschnüffelt hat, wenn er in der Wohnung im Weg stand, wenn er draußen eine Taube fixiert hat. Gekommen ist er selten. Passiert ist nie etwas. Für ihn war mein Rufen irgendwann so bedeutungsvoll wie das Rauschen der nächsten S-Bahn.

Diese Pauschallösungen aus dem Internet haben mich übrigens noch an anderer Stelle reingelegt. Ein Forum hatte geschworen: ignorieren, komplett ignorieren, wenn er an mir hochspringt, dann hört er von allein damit auf. Ich hab's tagelang durchgezogen. Er hat währenddessen angefangen, aus Frust an der Kommodenkante zu knabbern. Die pauschale Lösung hat für meinen Hund einfach nicht gepasst — und das ist die eigentliche Lektion hinter diesem ganzen Artikel: Es gibt kein Kommando, das automatisch funktioniert, nur weil es in einem Ratgeber steht.

Hundepfeife und gebrauchte Leine auf einem Tisch – Hilfsmittel fürs Rückruftraining

Warum hört er zuhause, aber nicht am Boxhagener Platz?

Zuhause, im Flur, klappt der Rückruf fast immer. Am Boxhagener Platz, sobald Essensreste am Boden liegen, ist er ein anderer Hund. Das ist kein Widerspruch, das ist Ablenkungsstufe. Ein Kommando, das in der ruhigen Wohnung sitzt, muss draußen gegen echte Konkurrenzangebote bestehen, und die Konkurrenz gewinnt am Anfang fast immer.

Parallel dazu lief bei uns noch das Anti-Giftköder-Training, weil jeder Essensrest auf dem Gehweg für ihn interessanter war als jedes Wort aus meinem Mund. Ohne einen Rückruf, der auch unter Ablenkung funktioniert, ist man im Berliner Hundealltag ziemlich aufgeschmissen — Essensreste, Tauben, andere Hunde, alle paar Meter eine neue Versuchung.

Anders als die Trennungsangst, die uns anfangs ordentlich zugesetzt hat, ist das hier kein emotionales Problem, sondern reines Handwerk. Genau diese fünf Schritte haben bei uns den Unterschied gemacht.

Schritt 1: Das alte Rückrufwort beerdigen

Der unbequemste Teil meines Kurses drehte sich nicht ums Rufen, sondern ums Schweigen: Wenn absehbar ist, dass der Hund sowieso nicht reagiert, weil eine Taube oder ein fremder Hund gerade mehr zieht, dann lieber gar nichts sagen. Jeder Ruf, der ignoriert wird, ist ein kleiner Vertrauensbruch für das Wort selbst — er lernt: Er MUSS nicht kommen, wenn's gerade unpassend ist. Das Prinzip dahinter ist dasselbe wie beim Sitz-und-Platz-Training über positive Bestärkung: Nur was sich lohnt, wiederholt sich.

Wir haben das alte 'Komm her' seitdem kaum noch benutzt. In brenzligen Momenten hole ich ihn wortlos ab oder sichere ihn an einer langen Leine, statt ein beschädigtes Wort weiter abzunutzen. Erst wenn ich sehe, dass er ohnehin schon in meine Richtung unterwegs ist, sage ich es noch — vorsichtig, um es Stück für Stück wieder aufzubauen.

Hund läuft allein über das Tempelhofer Feld und reagiert nicht auf Rückruf

Schritt 2: Ein Pfiff lügt nicht, meine Stimme schon

Ich habe mir eine Hundepfeife zugelegt, weil ich meiner eigenen Stimme in genau den Momenten nicht traue, in denen es zählt.

Gestresst klingt sie höher, genervt klingt sie schärfer, müde klingt sie flach — und diesen Unterschied hört ein Hund, bevor er überhaupt registriert, was das Wort eigentlich bedeuten soll. Eine Pfeife bleibt sich gleich, egal wie ich mich fühle, und sie trägt weiter als jeder Ruf im Straßenlärm.

Der Pfiff bedeutet bei uns nur eine Sache: Party. Er ist kein Alltagssignal, das ich beiläufig benutze, sondern der Joker, den es nur gibt, wenn es wirklich zählt. Diese Seltenheit ist es, die ihn stark macht, nicht die Lautstärke.

Schritt 3: Belohnung, die gegen jede Ablenkung gewinnt

Es gibt diese Fraktion, die findet, ein Hund solle wegen der Bindung kommen, nicht wegen Futter. Bei meinem Hund würde diese Haltung ins Leere laufen — riecht irgendwo eine tote Taube, verliert jedes noch so freundliche Gesicht den Wettbewerb. Jedes Mal. Ohne Ausnahme.

Also musste die Belohnung mithalten können. Trockenfutter zählt für ihn nicht als Angebot, das ist wie ein Wasserglas gegen einen Cocktail. Inzwischen trage ich unterwegs etwas mit, das er sonst nie bekommt: Wurststückchen, Käsewürfel, alles, was intensiv riecht und selten ist. Die Regel dahinter ist simpel — was der Hund für den Rückruf bekommt, muss besser sein als das, was er gerade aufgeben soll. Nebenbei lernt man dabei auch, seine Körpersprache zu lesen, bevor er überhaupt losstürmt.

Hand hält Leberwurst als Belohnung beim Rückruftraining mit dem Hund

Schritt 4: Training im langweiligsten Flur Neuköllns

Ein Fehler, den ich lange nicht gesehen habe: den Rückruf direkt draußen am Boxhagener Platz üben zu wollen, mit allem, was dort gleichzeitig auf ihn einprasselt. Das ist ungefähr so, als würde man ein neues Rezept zum ersten Mal beim Essen mit Gästen ausprobieren, statt es vorher allein in der eigenen Küche zu testen. Also zurück auf Anfang.

Geübt haben wir im Flur unserer Altbauwohnung im zweiten Stock ohne Fahrstuhl, wo der alte Parkettboden aus den Sechzigern bei jedem Schritt leise ächzt. Danach im Hinterhof zwischen den Mülltonnen, maximal langweilig für ihn, perfekt für mich. Erst als er dort bei jedem einzelnen Versuch sofort angestürmt kam, sind wir eine Stufe weitergegangen. Wer seinen Hund draußen nicht abrufen kann, hat oft schlicht übersprungen, ob er drinnen überhaupt zuverlässig kommt.

Das grenzt streckenweise an Impulskontrolle, ist aber nochmal ein eigenes Kapitel für sich. Und es ist auch etwas anderes, als ihn im Homeoffice auf seinen Platz zu schicken — dort geht es ums Bleiben, hier geht es ausschließlich ums Kommen.

Schritt 5: Was passiert, wenn er tatsächlich kommt?

An diesem Punkt kippen die meisten Rückrufe. Kommt er zu mir, gilt das bei uns wie eine Abmachung, die ich nicht brechen darf — es passiert immer etwas Gutes. Ihn dafür auszuschimpfen, dass er vorher weggelaufen ist, darf niemals passieren, sonst lernt er: Zu Frauchen gehen bedeutet Ärger. WARUM sollte er dann beim nächsten Mal kommen?

Genauso wichtig ist, was danach passiert: Ich haue ihm nicht bei jedem Rückruf sofort die Leine wieder an den Karabiner. Würde ich das immer tun, würde er 'zu mir kommen' schnell mit 'jetzt ist der Spaß vorbei' gleichsetzen. Oft rufe ich ihn nur für die Belohnung und schicke ihn danach direkt zurück ins Spiel. Er kommt inzwischen sichtbar lockerer, weil er nicht befürchten muss, dass mit meinem Ruf automatisch die Freiheit endet.

Diese zwei Sekunden zwischen Pfiff und Entscheidung sind bis heute der spannendste Moment am ganzen Training — dieser kurze Atemstillstand, bevor klar ist, ob er sich umdreht oder weiterrennt.

Neulich hat Emre, den ich fast jeden Morgen im Hundeauslauf treffe, mir kurz zugerufen, dass der Husky zwei Bänke weiter notorisch andere Hunde anpöbelt — genau die Vorwarnung, die mir Zeit gab, meinen Hund abzurufen, bevor die Situation eskaliert. Wenn er dabei selbst anfängt, andere Hunde anzubellen, ist das nochmal eine andere Baustelle mit eigener Taktik.

Auch beim Radfahrerthema war der Rückruf oft die letzte Rettung — ich habe dabei viel an meinen Bericht darüber gedacht, wie mühsam wir gelernt haben, dass Hunde keine Radfahrer jagen sollten.

Entspannter Mischlingshund sitzt im Park nach gelungenem Rückruf

Wann darf er wirklich von der Leine?

Die klare Antwort: erst wenn zwei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind. Er muss in der langweiligen Zone, Flur, Hinterhof, ruhige Ecke, bei jedem einzelnen Versuch sofort kommen. Und er muss bei mittlerer Ablenkung, ein Hund in der Ferne, ein Jogger, trotzdem reagieren. Erst dann probiere ich es im eingezäunten Bereich an der langen Leine, bevor überhaupt die Leine ganz abkommt. Alles andere ist Glücksspiel, kein Training.

Ein Beispiel, das mir noch lange im Kopf bleiben wird: Neulich sind wir fast bis zum Tempelhofer Feld gelaufen, und er ist die ganze Strecke neben mir geblieben, ohne ein einziges Mal an der Leine zu ziehen. Kein Wort dafür nötig, keine Leberwurst, er ist einfach mitgelaufen.

Ganz anders übrigens als die Gewöhnung, die wir bei seiner Angst vor lauten Geräuschen gebraucht haben — dort ging es darum, ihn langsam an etwas heranzuführen, hier geht es darum, ihn zu mir zurückzuholen.

Meine Kollegin Pia hat einen Labrador, der aufs Wort kommt, ohne dass sie je fünf Schritte wie diese gebraucht hätte. Neulich hat sie mir wieder selbstgebackene Hundekekse mit ins Büro gebracht und meinte nur, ihrer sei halt 'auf Menschen programmiert'. Das trifft es eigentlich ganz gut: Manche Hunde bringen von Haus aus mit, worauf meiner erst mühsam trainiert werden musste. Am Ergebnis ändert das nichts, es dauert nur unterschiedlich lang, je nachdem, was für ein Tier vor einem sitzt.

Bevor überhaupt eine längere Autofahrt zum Üben in einer ruhigeren Gegend infrage kam, musste ich erst üben, den Hund ans Auto zu gewöhnen, sonst wäre schon die Anfahrt Stress pur gewesen.

Wer gerade im Park steht und sich fragt, warum der eigene Hund einen wie Luft behandelt: Es liegt selten am Charakter des Hundes und fast immer am Wert, den das Rückrufwort noch hat. Schützt das Wort, baut die Belohnung auf, trainiert dort, wo es langweilig ist, bevor ihr es dort versucht, wo es spannend ist. Der Rest ist Wiederholung.

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