
Ich kniee auf dem Boden meines Berliner Wohnzimmers, wedele wie eine Wahnsinnige mit einem plüschigen Quietsche-Eichhörnchen vor seinem Gesicht herum und mache Geräusche, die ich normalerweise nur nach drei Gläsern Wein auf einer WG-Party von mir gebe. Und was macht er? Er starrt mich einfach nur an. Dann gähnt er — so richtig ausgiebig, mit einem kleinen Quietschgeräusch am Ende — und legt den Kopf wieder auf seine Pfoten. WARUM MACHT ER DAS? Ich fühle mich wie die schlechteste Hundemama der Welt, während ich da mit meinem Eichhörnchen in der Luft hänge.
Seit ich meinen Mischling letzten Spätsommer von meiner Freundin übernommen habe, dachte ich, das mit dem Spielen würde von ganz allein kommen. Man wirft einen Ball, der Hund rennt, alle sind glücklich. So sieht das zumindest in der Werbung für Hundefutter aus. In der Realität sah es bei uns eher so aus: Ich kaufe teures Spielzeug im hippen Laden in Mitte, werfe es voller Vorfreude, und höre nur das hohle Klackern des Gummiballs auf dem Berliner Altbauboden, während mein Hund demonstrativ wegsieht und sich stattdessen ausgiebig die Pfote leckt. Autsch. Mein Ego als frischgebackene Hundebesitzerin war nach der ersten Woche am Boden.
Das Spielzeug-Grab im Wohnzimmer
In den ersten stürmischen Wochen nach der Übernahme war ich im Kaufrausch. Ich dachte, wenn er das eine Seil nicht mag, dann bestimmt den pinken Latex-Dino. Oder den Intelligenz-Knochen. Oder den Ball, der blinkt. Mein Flur sah aus wie eine Filiale von Toys"R"Us für Vierbeiner. Aber nichts funktionierte. Er schaute mich an, als würde ich versuchen, ihm eine Versicherung zu verkaufen — höflich distanziert, aber absolut desinteressiert.

Ich habe mich dann oft gefragt, ob er mich vielleicht einfach nicht mag. Oder ob er depressiv ist. Ich saß abends am Laptop, habe meine Grafik-Projekte geschoben und nebenbei gegoogelt: "Hund spielt nicht Hilfe". Dabei bin ich in Foren gelandet, die mir sagten, mein Hund brauche mehr Auslastung. Also habe ich noch mehr gewedelt. Noch lauter gequietscht. Noch wilder mit den Armen gefuchtelt. Spoiler: Es wurde nur noch schlimmer. Er ist dann oft einfach aufgestanden und in den Flur gegangen.
Was ich damals nicht wusste: Ein erwachsener Haushund hat ein enormes Ruhebedürfnis von 18-20 Stunden am Tag. Wenn ich ihn in seinen Wachphasen dann auch noch mit einer Reizüberflutung aus Quietschen und Fuchteln bombardiere, schaltet er einfach ab. Er war nicht gelangweilt, er war völlig überfordert mit meiner Performance.
Die Erkenntnis: Weniger ist manchmal... alles
Ein grauer Nachmittag im November war dann mein persönlicher Tiefpunkt. Es regnete draußen (Berlin-Style: von der Seite, eiskalt), wir konnten nicht lange raus, und ich wollte ihn drinnen beschäftigen. Ich habe versucht, ihn mit einem Zerrseil zu motivieren. Ich habe daran gezogen, es ihm vor die Nase gehalten, sogar selbst ein bisschen hineingebissen (ja, so verzweifelt war ich). Er hat mich nur fassungslos angesehen.
In meinem zweiten Onlinekurs, den ich vor ein paar Wochen angefangen habe, gab es dann diesen einen Moment, in dem es 'Klick' machte. Die Trainerin sagte: "Hör auf, deinen Hund durch wildes Herumfuchteln zu animieren. Für viele Hunde wirkt das bedrohlich oder einfach nur irritierend." Ich saß mit meinem Notizbuch auf dem Sofa und dachte: UPS. Ich war die ganze Zeit der nervige Animateur im Cluburlaub, den eigentlich jeder am liebsten im Pool versenken würde.

Viele Mischlinge, besonders die mit einer unklaren Vergangenheit, müssen erst lernen, dass die Interaktion mit dem Menschen sicher ist. Wenn ich ihm ein Spielzeug direkt vors Gesicht halte, ist das kein Spielangebot, sondern eine visuelle Reizüberflutung. Er wusste gar nicht, was er mit seinen 42 Zähnen da eigentlich machen soll, ohne Ärger zu bekommen. Er kannte das Konzept 'Spiel' einfach nicht.
Warum der rote Ball im Gras unsichtbar bleibt
Ein weiterer Fehler, den ich als Designerin natürlich besonders peinlich finde: Die Farbwahl. Ich habe immer nach den schönsten, knallroten Bällen gegriffen, weil die so toll zum grauen Beton in Berlin passen. Aber Hunde unterscheiden Farben primär im Blau-Gelb-Spektrum. Ein roter Ball im grünen Gras? Für meinen Hund ist das einfach nur ein graues Etwas in einem anderen grauen Etwas. Seit ich auf blaues Spielzeug umgestiegen bin, findet er die Sachen draußen viel schneller. Er ist nicht blind, er sieht die Welt nur anders als ich.
Ich habe in dieser Zeit auch gelernt, wie wichtig es ist, dass er überhaupt erst mal zur Ruhe kommt, bevor wir spielen können. Wenn er total gestresst vom Lärm auf der Straße ist, kann er sich nicht auf ein Spiel konzentrieren. In meinem Bericht darüber, wie mein Hund auf seinen Platz schicken endlich im Homeoffice funktioniert hat, beschreibe ich, wie wichtig diese Ruhephasen sind. Erst wenn der Kopf leer ist, ist Platz für Spaß.
Der Wendepunkt: Der Geruch von Rinderlunge
Der echte Durchbruch kam während des zweiten Moduls meines Kurses. Wir sollten weg vom stumpfen Werfen und hin zum gemeinsamen Erarbeiten. Die Lösung? Ein Futterdummy. Ich erinnere mich noch genau an das raue Canvas-Gefühl des Futterdummys in meiner Hand, gemischt mit dem intensiven Geruch von getrockneter Rinderlunge, den ich erst mal aus meiner Wohnung lüften musste.
Plötzlich war das Spielzeug keine komische Plastik-Ente mehr, sondern eine Schatztruhe. Ich habe den Dummy nicht geworfen, sondern ihn erst mal nur auf den Boden gelegt. Wenn er ihn mit der Nase berührt hat: Klick, Dummy auf, Futter raus. Das war der Moment, in dem ich sein 'Spielgesicht' zum ersten Mal richtig sah — dieses geöffnete Maul, die entspannte Muskulatur und dieser wache Blick, der sagt: 'Hey, wir machen hier was zusammen!'

Das Apportieren war für uns die Brücke. Es ging nicht mehr darum, dass er wie ein Irrer hinter etwas herrennt, sondern dass wir ein Team sind. Er bringt mir den Dummy, ich öffne ihn. Wir kommunizieren. Es ist ein Dialog, kein Monolog meinerseits mehr.
Letzten Dienstagabend im Park: Ein kleiner Sieg
Letzten Dienstagabend im Park hatten wir dann diesen einen Moment, für den ich die letzten zehn Monate trainiert habe. Es war warm, die Sonne ging langsam unter, und die üblichen Berliner Park-Geräusche — klirrende Flaschen, ferne Bässe — waren da. Früher hätte er nur gestresst geguckt oder wäre jedem Blatt hinterhergejagt.
Ich habe den blauen Dummy rausgeholt. Ganz ruhig. Kein Quietschen, kein Gehüpfe. Ich habe ihn im hohen Gras versteckt. Er durfte suchen. Nasenarbeit verbraucht deutlich mehr Energie als bloßes Laufen, und ich konnte richtig sehen, wie sein Gehirn ratterte. Als er ihn gefunden hat, kam er stolz zu mir getrabt. Er hat nicht nur den Dummy gebracht, er hat mich zum Spielen aufgefordert, indem er den Kopf leicht gesenkt und das Hinterteil in die Luft gestreckt hat.
Wir haben dann etwa drei Minuten echtes Zerren gemacht. Er hat den Dummy fest zwischen seinen 42 Zähnen gehalten und ich habe ganz sanft dagegengehalten. Nur drei Minuten. Dann war Schluss, weil ich gemerkt habe, dass seine Konzentration nachlässt. Früher hätte ich versucht, das Ganze auf 20 Minuten auszudehnen, bis er genervt abgebrochen hätte. Heute weiß ich: Qualität vor Quantität.
Spielen ist für uns kein Abhaken einer To-Do-Liste mehr. Es ist nicht mehr das 'Ich muss den Hund jetzt 30 Minuten müde machen', damit ich in Ruhe arbeiten kann. Es ist unsere gemeinsame Zeit. Und wenn er mal einen Tag hat, an dem er lieber nur Löcher in die Luft starrt oder sich die Pfoten leckt, dann ist das auch okay. Ich wedele dann nicht mehr mit dem Eichhörnchen. Ich setze mich einfach zu ihm und bin froh, dass er da ist.
Es hat fast ein Jahr gedauert, aber ich lerne langsam, dass ich nicht die Animateurin sein muss. Ich muss nur diejenige sein, die die richtigen Angebote macht — und die manchmal einfach den Mund hält und den Hund machen lässt.