Es ist elf Uhr abends, ich stehe im Badezimmer, versuche mir die Zähne zu putzen und starre in den Spiegel. Oder besser gesagt: Ich starre auf den Türspalt hinter mir. Da sitzen sie. Zwei dunkle Augen, die mich fixieren, als würde ich jeden Moment in eine andere Dimension verschwinden, wenn er auch nur einmal blinzelt. Mein Mischling lässt mich nicht aus den Augen. Nicht beim Zähneputzen, nicht beim Kochen, nicht mal, wenn ich nur kurz aufstehe, um mir ein Glas Wasser zu holen. Ich fühle mich wie eine Gefangene in meiner eigenen Berliner Altbauwohnung.
Anfangs dachte ich noch: Oh Gott, wie süß, er liebt mich einfach so sehr! Er ist so dankbar, dass ich ihn von meiner Freundin übernommen habe, bevor sie weggezogen ist. Ich dachte, das ist diese tiefe Bindung, von der alle Hundebesitzer schwärmen. Spoiler: Nein. Ist es nicht. Es ist purer Stress. Für ihn und für mich. Und ehrlich gesagt, war ich kurz davor, laut SCHREIEND aus der Wohnung zu rennen, weil ich keine Sekunde mehr allein war.
Das rhythmische Klick-Klick auf dem Laminat
Kennt ihr das? Dieses Geräusch, das einen wahnsinnig macht? Bei uns war es das rhythmische 'Klick-Klick' seiner Krallen auf dem alten Berliner Laminat. Jedes Mal, wenn ich im Homeoffice auch nur tief eingeatmet oder meinen Stuhl um zwei Zentimeter verschoben habe, ging es los. Klick-Klick-Klick. Er stand sofort parat. Er hat nicht mal richtig geschlafen, er hat nur gelauert. Sobald ich mich bewegte, war er da – wie ein Schatten, der an meinen Fersen klebt.
In den ersten zwei Wochen im November fand ich das noch schmeichelhaft. Ich bin Grafikdesignerin, ich arbeite viel am Schreibtisch, und da saß er dann, unter meinen Füßen. Aber irgendwann wurde es unheimlich. Ich konnte nicht mal mehr in die Küche gehen, ohne dass er mir fast in die Hacken gelaufen wäre. Es war, als hätte ich einen vierbeinigen Bodyguard, den ich nie bestellt hatte. Und für den ich übrigens Hundesteuer zahle – 120 Euro pro Jahr in Berlin für einen Ersthund, um genau zu sein. Ein ziemlich teurer Stalker, wenn man es genau nimmt!
Der Tiefpunkt kam an einem verregneten Vormittag im Januar. Ich hatte eine Deadline für ein Logo-Design, war sowieso schon gestresst und wollte mir nur schnell einen neuen Kaffee holen. Ich drehte mich schwungvoll um, stolperte über den Hund, der sich lautlos direkt hinter meine Fersen gelegt hatte, und goss mir die heiße Brühe halb über den Arm und halb über den Teppich. Ich stand da, mit brennendem Arm und nassen Socken, und habe einfach nur geweint. WARUM MACHT ER DAS? Warum kann er nicht einfach mal auf seinem Kissen liegen bleiben?
Die schmerzhafte Erkenntnis: Es ist keine Liebe, es ist Kontrolle
Ich habe dann angefangen, nachts (wenn er endlich mal schlief, was selten vorkam) in meinem zweiten Onlinekurs zu recherchieren. Und da traf es mich wie ein Schlag: Mein Hund liebt mich nicht (nur), er kontrolliert mich. Er vertraut mir nicht zu, dass ich den Weg zum Kühlschrank alleine überlebe. Er fühlt sich verantwortlich für mich. Er managt mich.
In der Hundewelt nennt man das Kontrollverhalten. Und das Schlimmste daran? Es ist für den Hund die totale Überforderung. Ein erwachsener Hund hat ein Schlafbedürfnis von 17 bis 20 Stunden am Tag. Meiner kam vielleicht auf fünf, weil er ständig im Einsatz war, um mich zu überwachen. Er war chronisch übermüdet, nervös und bei Hundebegegnungen draußen völlig drüber, weil sein Nervensystem sowieso schon am Anschlag lief. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, aber ich war auch erleichtert: Es gab einen Grund für diesen Wahnsinn.
Ich habe dann versucht, das zu tun, was man in jedem zweiten Blog liest: Ignorieren. Einfach so tun, als wäre er nicht da. Aber wisst ihr was? Das hat alles nur noch schlimmer gemacht. Bei uns hat dieses emotionale Aussperren die Verlustangst erst recht getriggert. Er wurde noch hektischer, fing an zu winseln und klebte noch fester an mir. In meinem Glossar für Hundetrainings-Begriffe musste ich erst mal nachlesen, was Frustrationstoleranz eigentlich bedeutet, bevor ich verstand, dass Ignorieren allein nicht die Lösung ist.
Unser Rettungsanker: Das Deckentraining
Vor etwa drei Monaten haben wir dann mit dem 'Place-Kommando' angefangen, also dem Deckentraining. Die Idee dahinter: Ich weise ihm einen festen Platz zu, an dem er bleiben muss, bis ich das Kommando auflöse. Es geht dabei nicht um Bestrafung, sondern darum, ihm die Verantwortung abzunehmen. Ich sage ihm quasi: 'Du hast jetzt Pause. Ich kümmere mich um die Wohnung. Du musst mich nicht beschützen.'
Der Anfang war... anstrengend. Ich habe ihn auf seine Decke geschickt, bin zwei Schritte weggegangen – er stand auf. Ich habe ihn zurückgebracht. Hundertmal am Tag. Kein Witz, mein Rücken tat am Abend weh vom ständigen 'Hund-zurück-begleiten'. Aber ich bin drangeblieben. Ich habe gelernt, dass meine eigene Körpersprache dabei alles ist. Wenn ich ihn hektisch zurückschiebe, denkt er, es ist ein Spiel. Wenn ich ruhig und bestimmt bleibe, versteht er es irgendwann.
Ich habe auch angefangen, ihn räumlich zu begrenzen. Wenn ich koche, bleibt die Küchentür zu. Am Anfang hat er davor geheult, aber ich musste da durch. Es ist erstaunlich, wie sehr man sich selbst disziplinieren muss, um dem Hund Ruhe beizubringen. Ich habe gemerkt, dass ich oft unbewusst seine Nähe gesucht habe, wenn ich gestresst war. Ich musste also auch lernen, ihn mal 'wegzuschicken', damit er entspannen kann. Wie mein Mischling im Homeoffice Ruhe lernt, war ein echtes Projekt für uns beide.
Der Moment, in dem die Welt wieder normal wurde
Der große Durchbruch kam an einem Vormittag im Mai. Ich saß am Schreibtisch, arbeitete an einem Entwurf und wollte mir in der Küche einen Tee machen. Ich stand auf, schob den Stuhl zurück und... nichts. Kein Klick-Klick auf dem Laminat. Ich hielt den Atem an. Ich schlich zur Tür und schaute ins Wohnzimmer. Er lag auf seiner Decke, hatte den Kopf abgelegt und blinzelte mich nur kurz an, bevor er die Augen wieder schloss.
Leute, ich hätte fast geheult vor Glück. Ich bin alleine in die Küche gegangen, habe das Wasser aufgesetzt, gewartet, bis es kocht, und bin wieder zurückgekommen. Er war liegen geblieben! Das war der Moment, in dem ich wusste: Wir haben es geschafft. Er vertraut mir endlich genug, um zu schlafen, während ich mich bewege.
Es ist ein völlig neues Lebensgefühl. Ich kann jetzt wieder in Ruhe duschen, ohne dass zwei Augen mich durch den Vorhang fixieren. Mein Hund wirkt viel ausgeglichener, weil er endlich auf seine 17 bis 20 Stunden Schlaf kommt. Und ich kann mich wieder auf meine Arbeit konzentrieren, ohne ständig über eine 'Schatten-Patrouille' zu stolpern. Es war ein langer Weg vom November bis heute, aber es hat sich gelohnt.
Falls ihr auch so einen Stalker zu Hause habt: Gebt nicht auf. Es ist oft kein Zeichen von Liebe, sondern von Stress. Und manchmal ist das Beste, was man für seinen Hund tun kann, ihm zu sagen, dass er jetzt mal NICHT aufpassen muss. Es hat mir auch sehr geholfen, die Körpersprache meines Mischlings richtig zu deuten, um zu sehen, wann er wirklich entspannt ist und wann er nur so tut. Wir lernen immer noch jeden Tag dazu, aber das Klick-Klick auf dem Laminat ist jetzt viel seltener geworden – und das ist der größte Sieg, den ich mir vorstellen kann.